Samstag, 17. März 2018

Autofreie Fahrradstadt Brixen?

Es ist kalt an diesem Märzmorgen. Die Fußgänger haben noch ihre Wintermäntel an, die Lieferanten tragen Handschuhe, auch der Verkehrspolizist an der Ecke scheint zu frieren. Man sieht den Atem der Fußgänger, die den Großen Graben entlang flanieren. Und man sieht den Atem der Autos, die von der Romstraße in den Kleinen Graben einbiegen. Der Atem der Fußgänger stört nicht weiter. Der Atem der Autos verursacht Lungenkrebs. Deshalb wird gerade überall von Fahrverboten geredet und geschrieben.

Die Autos müssen in den Kleinen Graben einbiegen, geradeaus im Großen Graben herrscht Fahrverbot: Der Große Graben ist wie große Teile der Brixner Altstadt eine Fußgängerzone. Romstraße und Kleiner Graben hingegen stehen nach wie vor überwiegend den Autos zur Verfügung, die zu Fuß gehenden Menschen sind teilweise durch Ketten von der Fahrbahn abgeschnitten. Und das, obwohl es mit der Dantestraße 200 Meter weiter eine autogerechte Parallelverbindung gibt. Und es seit 2011 einen 110 Mio. € teuren Umfahrungstunnel gibt, der eigentlich hätte die Dantestraße entlasten und zu ihrem Rückbau führen sollen. Und es neben bzw. über dem Umfahrungstunnel die Brennerautobahn gibt, die ja auch eine Umfahrung von Brixen darstellt. So viel Geld und Fläche für Autos – und die Fußgänger werden hinter Ketten gesperrt. Brixen scheint eine Stadt für Autos zu sein, keine Stadt für Menschen.

„Fährt man durch die Stadt, so passiert man unsichtbare Gefängnismauern, hinter denen sich die Fußgänger auf Gehsteigen zu bewegen haben. Ausgang bekommen sie nur an besonders dafür markierten Stellen, häufig noch durch Signallichter zeitlich dosiert. Ausbrüche können leicht tödlich enden, besonders für Kinder.“ (Hermann Knoflacher)

 

Städte für Menschen


Das Schlagwort der „Städte für Menschen“ entstammt dem gleichnamigen Buch von Jan Gehl. Der bekannte Architekt empfiehlt dem Rest der Welt, was er in seiner Heimatstadt Kopenhagen erfolgreich angewendet hat: den städtischen Raum den Menschen zurückgeben. „Langsamerer Verkehr bedeutet automatische lebendigere Städte“, kann man in seinem Standardwerk nachlesen, und „schneller Verkehr hat leblose Städte zur Folge.“ Gehl untermauert seine Thesen mit eindrucksvollen Fotos weltweiter Positiv- und Negativbeispiele.

Das häufigste Gegenargument für eine Neuverteilung des öffentlichen Raums, für eine Umwandlung von Pkw-Fahrspuren in Fahrradstreifen, Busspuren und Fußgängerzonen, lautet: Dann gibt es Stau und Verkehrschaos und alles bricht zusammen.

Jan Gehl rechnet vor, dass das Gegenteil der Fall ist und Pkw-Fahrspuren in Innenstädten eine ineffiziente Flächenverschwendung sind: Zwei 3,5 Meter breite Streifen beidseits der Straße bieten Platz für bis zu 20.000 Passanten pro Stunde; zwei Radwege mit einer Breite von zwei Metern genügen für 10.000 Radfahrer pro Stunde; eine einfache Straße mit zwei Fahrspuren hingegen bietet nur Platz für 1.000 bis 2.000 Fahrzeuge pro Stunde.


Diese Zahlen findet man in vielen Studien und Publikationen. Aber nicht in den Köpfen der Menschen. Da steht geschrieben: Je mehr Straßen ich baue, desto weniger Stau gibt es.

Verkehrsberuhigung in Brixen


Brixen hat in den vergangenen Jahrzehnten viele Straßen gebaut. Und sich davon weniger Stau erhofft. Funktioniert hat das nur bedingt: Eine Studie des Ingenieurbüros Helmut Köll aus dem Jahr 2007 hat prognostiziert, dass der Autoverkehr in Brixen nach der Eröffnung des Umfahrungstunnels um 43 % abnehmen wird. Vor dem Bau des Tunnels waren auf der SS 12 im Zentrum von Brixen bis zu 25.000 Kfz pro Tag unterwegs. Und jetzt, 11 Jahre und 110 Mio. € später? Genaue Zahlen gibt es keine, die sollen in Kürze erhoben werden. Aber klar ist: Die gewünschte Entlastung hat es noch nicht gegeben. Die Dantestraße wurde nicht rückgebaut oder verkehrsberuhigt, im Kleinen Graben und in der Romstraße gibt es weiterhin keine Einschränkungen für den Autoverkehr. Die Verkehrsbelastung in der Brixner Innenstadt ist weiterhin hoch.

„Automobilität ist jene Mobilitätsform, die derzeit global in jeder Minute mehr als zehn Menschenleben zerstört.“ (Hermann Knoflacher)

In den vergangenen Jahrzehnten war man in Brixen konsequent(er), was das Thema Verkehrsberuhigung angeht: Anfang der 1970er Jahre wurde – gegen große Widerstände – der Autoverkehr vom Domplatz und aus weiten Teilen der Altstadt verbannt. Anfang der 1990er Jahre wurde der Große Graben verkehrsberuhigt.






Warum hat man weitere 20 Jahre später nicht die Chance genutzt, zeitgleich mit der Eröffnung des Umfahrungstunnels eine fußgängerfreundliche Umgestaltung der Innenstadt zu initiieren? Das beantwortet Thomas Schraffl, Mobilitätsreferent der Gemeinde Brixen, im Interview:



Brixen nicht zu Tode beruhigen


Übertreiben sollte man es allerdings nicht mit der Verkehrsberuhigung – davor warnt der Obmann der Brixner Kaufleute: Hans-Peter Federer beschäftigt sich bereits seit 20 Jahren intensiv mit dem Thema Verkehr in der Brixner Altstadt und saß fünf Jahre lang im Gemeinderat. Heute sitzt er in seinem Schuhgeschäft am Großen Graben und empfängt zum Interview. Gut gelaunt und gut vorbereitet argumentiert er, warum er eine weitergehende Verkehrsberuhigung für kontraproduktiv hält. Er will Brixen „nicht zu Tode beruhigen.“

„Wenn die Stadt anfängt leer zu werden, ist sie tot.“ (Hans-Peter Federer)
Hans-Peter Federer zeigt ein Youtube-Video einer Stadtplanerin aus Stuttgart, die berichtet, dass man Fußgängerzonen eventuell verkleinern muss, um sterbende Innenstädte wiederzubeleben. Will auch Federer die Fußgängerzone in Brixen verkleinern? Nein, die Verkehrsberuhigung von Domplatz und Großem Graben „war sicher kein Fehler.“ Aber der Status Quo – 2,5 Kilometer Fußgängerzone und circa 350 Geschäfte – ist aus seiner Sicht eine gute Balance: „Zu viel Fußgängerzone bedeutet zu viele Geschäfte – dann ist das Gleichgewicht gestört und andere Geschäfte müssten schließen.“

Der Obmann der Kaufleute streitet also nicht ab, dass verkehrsberuhigte Straßen attraktiv für die flanierende Kundschaft sind. Die Kaufkraft im kleinen Brixen ist aber begrenzt, er fürchtet einen Verdrängungswettbewerb, wenn noch mehr Fußgängerzonen eingerichtet werden. Zumal Romstraße und Kleiner Graben seiner Meinung nach „kein Schleichweg, sondern ein Entlastungsweg“ sind, auf den man trotz Umfahrungstunnel nicht verzichten kann: „Nur drei Nord-Süd-Straßen – das ist zu wenig.“

„Wenn es schön ist, fühlen sich die Touristen wohl. Und wenn sie sich wohlfühlen, geben sie Geld aus.“ (Hermann Knoflacher)

Dank der Verlegung des Schwerlastverkehrs in den Umfahrungstunnel gibt es laut Federer auf der alten Durchfahrtsstraße weniger Stau und es ist attraktiver geworden, mit dem Auto nach Brixen zum Einkaufen zu fahren: „Ohne Umfahrungsstraße wäre es der Tod der Innenstadt gewesen.“ Gegen Durchfahrtsbeschränkungen auf der Dantestraße wehrt sich Federer hingegen vehement: „Der Kunde meidet die Stadt, wenn er gezwungen wird, auf die Umfahrungsstraße zu fahren.“

Dem Konzept Shared Space, demzufolge sich alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt die Verkehrsfläche teilen sollten, kann Federer nicht viel abgewinnen: Er hält es für ein veraltetes und gefährliches Konzept, das folgerichtig auch anderswo nur selten umgesetzt wird. Und: „Wenn andere das schon nicht machen, warum sollen wir das machen? Man kann auch aus dem lernen, was andere nicht machen.“

Ist Federers Schlussfolgerung, dass man besser gar nichts machen sollte? Zumindest sollte die Gemeinde nichts Falsches machen: „Es reicht, dass die Stadt die Autos verbannt hat, es sollten jetzt nicht auch noch die Fahrräder ausgelagert werden.“ Gegen ein fahrradfreundliches Brixen hätte auch Hans-Peter Federer nichts einzuwenden: „Sperrige Geschäfte wurden eh aus der Innenstadt verbannt, also können die Leute auch mit Fahrrad einkaufen.“

Einladung zum Fahrradfahren


Beim Verlassen des Schuhgeschäfts blickt man rechts auf einen Fahrradständer, an dem 19 Fahrräder stehen. Würden dort 19 Autos stehen, dann bräuchten die mehr als 190 m² Platz. Platz, den es nicht gibt. Oder den man den Fußgängern und Radfahrern wegnehmen müsste. Und genau das sollte man laut Jan Gehl nicht machen: „Am wichtigsten ist, dass wir die Menschen dazu animieren, das Laufen und Radfahren zur täglichen Gewohnheit zu machen. Einladung ist hier das Schlüsselwort.“

„Nichts ist vergleichbar mit der einfachen Freude, Rad zu fahren.“ (John F. Kennedy)

Anderswo wurden die Menschen eingeladen, zu Fuß zu gehen oder mit dem Rad zu fahren: In Gehls Heimatstadt Kopenhagen, wo Café-Außenbereiche frühere Straßenflächen besetzen. In Wien, der Haupt-Wirkungsstätte des bekannten Verkehrsplaners Hermann Knoflacher, wo die einst vielbefahrene Mariahilferstraße in eine Begegnungszone umgewandelt wurde. In New York, wo in den letzten Jahren 100 Kilometer neue Radwege gebaut wurden und der Higline Park auf einem alten Bahnviadukt zum Flanieren einlädt. In Seoul, wo ein Autobahnviadukt abgerissen und der darunter liegende Fluss freigelegt und in eine grüne Lunge umgewandelt wurde. Die Zukunft der Städte ist nicht mehr autogerecht, sondern menschengerecht. Warum nicht auch in Brixen?

Autofreie Zukunft


In ein paar Jahren könnte es dann so sein, dass an einem kalten Märzmorgen keine Autos mehr von der Romstraße in den Kleinen Graben einbiegen. Der öffentliche Raum gehört dann Radfahrern und Fußgängern, die Autos wurden aus dem Brixner Stadtzentrum verbannt; es gibt keine Ketten mehr, die die Fußgänger an den Rand drängen; fröhliche Familien fahren in Cargobikes ihre Kinder und ihre Einkäufe durch die Stadt; dank Elektrofahrrädern und City-Bussen ist für die täglichen Erledigungen niemand mehr auf das Auto angewiesen; zufriedene Händler haben vor dem Eingang ihres Geschäfts Fahrradbügel aufgestellt und profitieren davon, dass Touristen wie Einheimische mit Bus und Fahrrad unterwegs sind und nicht mehr wie früher mit dem Auto: In einer attraktiven Innenstadt ohne Verkehrslärm und Gestank geht man lieber einkaufen als in einem gesichtslosen Einkaufszentrum auf der grünen Wiese. Und wer Fahrrad fährt, der kauft im Zentrum ein und belebt es somit.

Um es mit den Worten von Jan Gehl zu sagen: „Eine gute Stadt ist wie eine gute Party: Die Gäste bleiben, weil es ihnen gefällt.“

Diese Multimedia-(Abschluss)arbeit entstand gemeinsam mit Julia Belli im Rahmen des Journalismuslehrgangs des KfJ

Sonntag, 25. Februar 2018

Goethe - Italienische Reise

AUCH ICH IN ARKADIEN!
Seit drei Jahren wohne ich in Italien und habe einen Balkon, wo die Zitronen blühen.

Aber Goethe hat Italien viel schöner beschrieben als ich das könnte, deshalb überlasse ich ihm die Texte und steuere nur die dazu passenden Fotos bei. Einfach auf eines der Fotos klicken, dann öffnet sich das Fotoalbum. Im Album wiederum auf die einzelnen Bilder klicken, damit die Texte angezeigt werden.

https://photos.app.goo.gl/hl3bNyscYxU691i02

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Zum Abschluss ein paar Zitate, die Goethe 1786-1788 verfasst hat… und von denen ich natürlich niemals behaupten würde, dass sie heute noch aktuell sind oder auch zu mir passen würden 😎

  • „Ich lasse mir's gefallen, als wenn ich hier geboren und erzogen wäre und nun von einer Grönlandsfahrt, von einem Walfischfange zurückkäme.“ (S. 37)
  • „Die Menschen leben ein nachlässiges Schlaraffenleben.“ (S. 41)
  • „In einem Lande, wo man des Tages genießt, besonders aber des Abends sich erfreut, ist es höchst bedeutend, wenn die Nacht einbricht.“ (S. 63)
  • „Ferner ist dem Inländer die Sache so viel leichter, weil er sich um Mittag und Mitternacht eigentlich nicht bekümmert und nicht, wie der Fremde in diesem Lande tut, zwei Zeiger miteinander vergleicht“. (S. 65)
  • „Die milde Luft, die wohlfeile Nahrung läßt sie leicht leben. Alles, was nur kann, ist unter freiem Himmel.“ (S. 67)
  • „Die uns so sehr auffallende Unreinlichkeit und wenige Bequemlichkeit der Häuser entspringt auch daher: sie sind immer draußen, und in ihrer Sorglosigkeit denken sie an nichts.“ (S. 67)
  • „Könnte ich nur den Freunden einen Hauch dieser leichten Existenz hinübersenden!“ (S. 127)
  • „Dem Landesbewohner wollt' ich alles lassen, wenn ich nur wie Dido so viel Klima mit Riemen umspannen könnte, um unsere Wohnungen damit einzufassen.“ (S. 133)
  • „wie überhaupt die Italienier diesen Lokalpatriotismus im höchsten Sinne hegen und pflegen“ (S. 135)
  • „Dieses Italien, von Natur höchlich begünstigt, blieb in allem Mechanischen und Technischen, worauf doch eine bequemere und frischere Lebensweise gegründet ist, gegen alle Länder unendlich zurück.“ (S. 157)
  • „Mir wenigstens ist es, als wenn ich die Dinge dieser Welt nie so richtig geschätzt hätte als hier. Ich freue mich der gesegneten Folgen auf mein ganzes Leben.“ (S. 179)
  • „Von der Nation wüßte ich nichts weiter zu sagen, als daß es Naturmenschen sind, die unter Pracht und Würde der Religion und der Künste nicht ein Haar anders sind, als sie in Höhlen und Wäldern auch sein würden.“ (S. 189)
  • „Das schöne, warme, ruhige Wetter, das nur manchmal von einigen Regentagen unterbrochen wird, ist mir zu Ende November ganz was Neues.“ (S. 192)
  • „Alles deutet dahin, daß ein glückliches, die ersten Bedürfnisse reichlich anbietendes Land auch Menschen von glüchlichem Naturell erzeugt, die ohne Kümmernis erwarten können, der morgende Tag werde bringen, was der heutige gebracht, und deshalb sorgenlos dahin leben.“ (S. 261)
  • „Ich finde in diesem Volk die lebhafteste und geistreichste Industrie, nicht um reich zu werden, sondern um sorgenfrei zu leben.“ (S. 262)
  • „Warum sind wir Neueren doch so zerstreut, warum gereizt zu Forderungen, die wir nicht erreichen noch erfüllen können!“ (S. 346)
  • „Und so befinde ich mich an Leib und Seele wohler als jemals! Möchtet ihr es an meinen Produktionen sehen und meine Abwesenheit preisen.“ (S. 481)
  • „Mir ist aufgefallen, daß in einer großen Stadt, in einem weiten Kreis auch der Ärmste, der Geringste sich empfindet, und an einem kleinen Orte der Beste, der Reichste sich nicht fühlen, nicht Atem schöpfen kann.“ (S. 523)
  • „Vielleicht fände ich jetzt, da mein Auge geübter ist, auch nordwärts mehr Schönheiten.“ (S. 570)
Die Seitenangaben der Zitate beziehen sich auf die Taschenbuch-Ausgabe des Insel Verlags Berlin (24. Auflage 2013).

Freitag, 23. Februar 2018

Herzlich willkommen

Herzallerliebste Leserinnen und Leser, es ist mir eine Herzensangelegenheit, dieses Mal über ein menschliches Organ zu schreiben: Herz ist Trumpf!

Wenn Rudi Carell und Reinhard Fendrich früher ein „Herzblatt“ präsentiert hatten, dann hatte das nichts mit Watten oder Schafkopf zu tun, sondern mit herzergreifenden Liebesschwüren. Aber warum ist das Herz eigentlich Symbol für die Liebe? Andere Körperteile sind bei der Liebe doch viel mehr beteiligt. Klar, das Herz schlägt schneller, wenn man einen herzensguten Mensch beherzt umarmt – aber das tut es bei sportlicher Betätigung auch. Oder wenn man Angst hat. Das Herz könnte also genauso gut ein Symbol für Angst oder Sport sein. Warum reduzieren wir das Herz meist auf rote Farbe und Liebe? Auch der herzverpestete Valentinstag und diese ganze Herzschmerz-Musik – Herzilein, du musst nicht traurig sein; Herz an Herz; Jeden Herzschlag wert – reduziert unser wichtigstes Organ auf seine Funktion als Liebessymbol. Da müsste mal jemand beherzt eingreifen und erklären, wie wichtig das Herz-Kreislauf-System ist, und dass es nicht nur für herzzerreißende Schnulzen missbraucht werde sollte.

Noch nie hat man von Milzog, Leberog oder Lungenog gehört. Aber den Herzog, den gibt’s. Der ist Fußballer (Andreas), Eisschnellläuferin (Vanessa), Filmemacher (Werner), Architekt (& de Meuron) und deutscher Bundespräsident (Roman). Und dann gibt’s da noch Richard Löwenherz und die ganzen mittelalterlichen Herzoge. So mancher Mittelalter-Herzog hatte sein Herz am rechten Fleck, andere haben eher herzlos agiert. Da war das Wohl der Untertanen nicht unbedingt eine Herzensangelegenheit, eher sind sie von ganzem Herzen gerne in den Krieg gezogen und haben fremde Länder erobert. Und das ein oder andere Herz sicherlich auch. Denn die Person, der ein durchschnittlicher Herzensbrecher sein Herz gerne öffnen möchte, ist sicher nicht der Kardiologe.

Das Herz an sich hat mit dem mittelalterlichen Feudalsystem natürlich nichts zu tun, es ist zutiefst demokratisch – schließlich hat es zwei Kammern. Wichtige Entscheidungen, die auch die anderen demokratischen Organe betreffen, müssen sicherlich von beiden Herzkammern beschlossen werden.

Aber genug der Herzlichkeiten: Ich habe eine Herzensentscheidung getroffen und genieße nun auf dem Herzstück meines Zimmers sitzend ein Lebkuchenherz und schaue mir Urlaubsfotos aus Bosnien-Herzegowina an. Und ich freue mich schon jetzt auf das Herzschlagfinale bei der nächsten Fußball-WM. Das Spiel auf dem Rollrasen wird bei manchen zu Herzrasen oder gar Herzstillstand führen. Ich lege Ihnen ans Herz, das Spiel besser frohen Herzens zu genießen und ihre Herzfrequenz runterzufahren.

Herzliche Grüße,
Markus
Diese Haustür in Taormina heißt alle Besucher herzlich willkommen

Dieser Artikel wurde in der Straßenzeitung Zebra (Ausgabe Februar 2018) veröffentlicht.
Der Kauf der Zebra lohnt sich meiner Meinung nach sowohl für Käufer (weil die Inhalte wirklich interessant sind) als auch für Verkäufer (weil sie einen Euro vom Verkaufspreis behalten dürfen und einen Zugang zu Arbeitswelt und sozialen Kontakten erhalten). Mehr Infos hier.

Montag, 29. Januar 2018

Wia Nui - Upcycling in Brixen

In unserer WG gibt es einen eigenen Blog-Battle um die Frage, wer den Müll runterbringt. Aber die eigentliche Frage ist ja: warum schmeißen wir immer alles gleich in den Müll? Wäre Upcycling nicht auch eine Lösung? In welche tollen Produkte man scheinbar nutzlose Stoffe verwandeln kann, zeigt das Geschäft WiaNui in Brixen. Die Slide-Show, die Sara Senoner und ich im Rahmen unseres Journalismus-Lehrgangs gebastelt haben, zeigt euch das sympathische Geschäft in der Brixner Innenstadt:


Mittwoch, 3. Januar 2018

2017: Unterwegs mit GPS-Gerät und Kamera

1. Januar 2018, 11:38h: Ich sitze auf einem Ledersessel im 1. Klasse-Abteil, hinter mir die Schnellfahrstrecke Erfurt-Ebensfeld, vor mir mein nagelneues Microsoft Surface Pro, neben mir ein Chestnut Praline Latte von Starbucks. Der Start ins neue Jahr kann sich sehen lassen – Kapitalismus-Konsumopfer Markus ist auf dem Weg zurück in den Südtiroler Schnee und lässt das vergangene Jahr Revue passieren. Abgesehen von zwei völlig unnötigen Verletzungspausen und manchem Arbeits-Ärger war mein 2017 ein wunderschönes Jahr. Es hat in Wien begonnen und ist in Berlin zu Ende gegangen, jeweils mit tollen Freunden. Dazwischen lagen:
  • 16 Länder (Österreich, Italien, Deutschland, Schweiz, Vatikan, Niederlande, Belgien, Kroatien, Serbien, Bulgarien, Türkei, Georgien, Armenien, Aserbaidschan, Iran, Griechenland)
  • 24 Touren auf die Bozner Hausberge (14x Ritten, 6x Kohlern und 6x Jenesien)
  • 4.473 Fahrrad-Kilometer (also das Jahresziel 5.000 verfehlt, aber fast 1.000 mehr als im Vorjahr)
  • 78.131 gewanderte oder geradelte Höhenmeter (also das Jahresziel 50.000 locker geschafft)
  • 15 verfasste Blog-Texte (wenn man das Kaukasus-Tagebuch als einen Text rechnet)
  • 26 gelesene oder gehörte Bücher (die coolsten: Mark Twain - A Tramp abroad, Orhan Pamuk - Das Museum der Unschuld, Robert Menasse - Die Hauptstadt; die furchtbarsten: Michel Houellebecq – Unterwerfung, Elena Ferrante - Die geniale Freundin)
Bei Starbucks war ich 2017 nicht ein einziges Mal, Surface hatte ich auch noch keins, die Schnellfahrstrecke Erfurt-Ebensfeld gab’s noch nicht und in der 1. Klasse saß ich auch eher selten. Wird 2018 also alles noch besser und luxuriöser? Muss gar nicht sein, ich bin auch so zufrieden. Und blicke zurück auf schöne Reiseerinnerungen in Fotoform, die ich gerne mit euch teile:
Neapel und Umgebung

Föhr, Amrum und Sylt

Südtirol und Umgebung 2017

Venedig - Rom

Belgien und Niederlande



Wie schon im Vorjahr dürfen die Europa- und die Südtirolkarte mit meinen GPS-Tracks nicht fehlen:



Mal schauen, ob 2018 genauso super wird. Einen ersten Rückblick habe ich ja bereits gewagt.

Dienstag, 2. Januar 2018

Jahresrückblick 2018 – CSU nurmehr in Bayern, Erdoğan in Meran, Gabriel auf dem Mond

Was war dieses 2018 für ein verrücktes Jahr. In drei wichtigen Ländern wurde gewählt: Russland, Italien und Südtirol. In Russland gab es zudem die erste Fußball-WM, bei der der Weltmeister – Deutschland – erst nach der WM gekürt wurde, weil der Finalsieger des Dopings überführt wurde. Und sonst so? Cem Özdemir wurde doch noch deutscher Außenminister, die CSU hat Berlin-Mitte-Verbot erhalten und der Steinkohlebergbau im Ruhrgebiet wurde endgültig eingestellt.

Mit dem Ende des Steinkohlebergbaus hat Sigmar Gabriel seine letzten Kumpels verloren. Die SPD hat nun endlich erkannt, dass sie im globalisierten und digitalisierten 21. Jahrhundert nur dann eine Daseinsberechtigung hat, wenn sie sich auch als Vertretung der prekär Beschäftigten im Dienstleistungssektor, in der Wissenschaft und in Start-Ups begreift und nicht mehr nur als Vertreter der ohnehin privilegierten Gewerkschaftsmitglieder in der Schwerindustrie. Sigmar Gabriel hat das noch immer nicht erkannt und wurde folglich 2018 mit der ersten Rakete von Elon Musk auf den Mond geschossen. Angeblich, um dort als erster Außenminister überhaupt die politischen Interessen seines Landes zu vertreten. Man vermutet aber einen Komplott von Martin Schulz und Andrea Nahles, um Gabriel endlich loszuwerden.

Wen man auch 2018 nicht losgeworden ist, ist Silvio Berlusconi. Nach unzähligen Regierungswechseln gab es in Italien mal wieder etwas, das es schon länger nicht mehr gab: Wahlen. Das Volk hatte die Wahl zwischen Rechtspopulisten, Komikern (Berlusconi) und Cinque Stelle. Und hat sich so entschieden, dass die beiden Matteos (Renzi und Salvini) jetzt gemeinsam regieren müssen, weil die stärkste Partei – Beppe Grillos Cinque Stelle – mit niemandem regieren will. Somit müssen jetzt links und rechts, EU-Befürworter und EU-Hasser, Vernunft und Populismus, irgendwie gemeinsam regieren.

Weltmeister 2018: Schland
Berlin-Mitte-Verbot für die CSU

Wie viel einfacher ist da doch die sogenannte „Große“ Koalition in Deutschland, die ja letztendlich – und nach lautstarker Kritik aus Griechenland am langsamen Regierungsbildungsprozess und dem hohen Rentenniveau in Deutschland – doch noch zustande gekommen ist. Auslöser war das Machtwort von Martin Schulz: „Mannomannomann, meinetwegen regieren wir halt weiter, aber nicht mit diesem bayerischen Trachtenverein“. Weil Angela Merkel der Machterhalt wichtiger war als der Fraktionsfrieden, hat sie ausgerechnet im Jubiläumsjahr „100 Jahre Freistaat Bayern“ die CSU tatsächlich rausgeschmissen und regiert nun gemeinsam mit SPD und Grünen. Also Kenia statt Bayern, Klimaschutz statt Klientelpolitik und zum ersten Mal ein türkischstämmiger Außenminister. Nach dem Rauswurf der CSU samt Berlin-Mitte-Verbot für alle Mandatsträger hat Horst Seehofer – der dank seines Wissens über die damaligen Vorgänge der Kanzlerin jahrelang auf der Nase rumtanzen konnte – doch noch ausgepackt, in welche Skandale und Skandälchen Angela Merkel zur Regierungszeit Helmut Kohls verwickelt war. Das Kanzleramt durfte Merkel behalten, aber den CDU-Vorsitz musste sie deshalb 2018 abtreten – wobei ihre Wunschkandidatin Ursula von der Leyen in der Kampfabstimmung gegen den Posterboy der Konservativen, Jens Spahn, verloren hat.
Mit dem Ausscheiden der CSU verlor Angela Merkel ihre drei schlechtesten Minister: Gerd Müller wird nun Torwarttrainer beim TSV 1860 München; Christian Schmidt, der gegen besseres Wissen und Gewissen dafür gesorgt hat, dass Glyphosat weiter verwenden werden darf, wechselt als Berater zum Glyphosat-Hersteller Monsanto („Monsanto gehört bald zu Bayer, und ich bin ja auch ein Bayer. So isser, der Schmidt“), wo er sich ein goldenes Näschen verdient; Alexander Dobrindt hingegen bleibt in der Politik – für alles andere ist er schlicht und ergreifend zu blöd.

Hat Berlin-Mitte-Verbot: CSU
FLIRT, KISS und FUCK

Eine große Überraschung gab es 2018 im Mobilitätssektor: FlixBus betreibt nun auch Züge und ging mit seinen grünen „FlixTrains“ an den Start. Nach ÖBB (u.a. München – Wien) und SBB (u.a. Stuttgart – Zürich) gibt es jetzt also einen dritten professionellen und zuverlässigen Anbieter von Fernverkehrszügen in Deutschland. Vorerst setzt FlixTrain Gebrauchtfahrzeuge ein, ist aber Erstbesteller eines neuen Zugtyps von Stadler: Nach FLIRT („flinker leichter innovativer Regional-Triebzug“) und KISS („komfortabler innovativer Spurtstarker S-Bahn-Zug“) stellte der Schweizer Zughersteller 2018 folgerichtig das Modell FUCK („flinker umweltfreundlicher City-Konnektor“) vor. Damit ist die Modellpalette vorerst vollständig – auch wenn die Fachpresse bereits auf das Zugmodell BABY wartet.

Weitere Kurzmeldungen des Jahres 2018
  • Während des Kur-Aufenthalts von Recep Tayyip Erdoğan in Meran wurde das Kreuz auf der Ifingerspitze entfernt, damit der türkische Staatspräsident aus seinem Hotelzimmer ungestört auf den Halbmond blicken konnte.
  • Apple hat einen aufklappbaren Fernseher in Form einer Birne präsentiert. Der Bildschirm des „Pear 1“ kann zweigeteilt werden, sodass Ehepaare mit Bluetooth-Lautsprechern auf den Ohren nun gleichzeitig Tatort und Rosamunde Pilcher schauen können.
  • Was in Katalonien gescheitert ist, könnte in Schottland nun klappen: die Nachfolger von Maria Stuart und Braveheart haben 2018 einen neuen Anlauf zur Unabhängigkeit gestartet.
  • Donald Trump und seine Ehefrau Melania haben sich getrennt. Melania Trump wird eine Affäre mit Wladimir Putin nachgesagt, der die Fußball-WM bekanntlich mit nacktem Oberkörper auf einem weißen Tiger reitend eröffnete und die ehemalige-und-zukünftige Präsidentengattin damit beeindrucken konnte.
Hier muss Melania Trump bald wohnen: Moskau

Donald Trump und das Ehepaar Putin werden uns auch 2019 weiter beschäftigen. Aber jetzt wird erstmal Sylvester gefeiert.


Dieser Artikel wurde zum ersten Mal im Battle of Blogs gepostet.

Mittwoch, 20. Dezember 2017

Sicher ist sicher

Sicherlich haben Sie in den vergangenen Monaten schon sehr viele Texte über das Thema Sicherheit gelesen und mit Sicherheit haben Sie keine Lust, diesen hier jetzt auch noch lesen zu müssen. Aber um auf Nummer sicher zu gehen, dass sie nichts Wichtiges verpassen, sollten Sie sicherheitshalber noch ein Stück weiterlesen. Sicher ist sicher.

Dank hoher Sicherheitsstandards, Sicherheitsgurt, Sicherheitsabstand und Sicherheitstechnik leben wir heute so sicher wie noch nie zuvor. Dennoch haben wir so viel Angst wie noch nie zuvor. Warum ist das so?

Sicher geben Sie mir Recht, dass man sich ergeben sollte, wenn man mit einer Waffe bedroht wird. Waffen sind wirklich gefährlich. Autos auch. Wütende Ehepartner wahrscheinlich auch. Aber sonst? Muss man wirklich vor allem Angst haben? Es wäre sicher schlauer, wenn wir die mediale Panikmache und die tausenden Warnhinweise um uns herum einfach mal ignorieren würden.

Ein paar der Warnhinweise, die ich in den letzten Jahren gesehen habe, sind hier abgebildet. Sie befinden sich sozusagen auf der sicheren Seite. Die Schilder berichten aus sicherer Quelle, dass man sich vor Katzen, Kühen und Eisbären in Sicherheit bringen sollte. Vor freilaufenden Menschen sowieso. Und vor gemeingefährlichen Bieraufzügen. Wenn man die Gefahr nicht konkret benennen kann, dann schreibt man einfach „Lebensgefahr“ aufs Schild. Lebensgefahr geht immer.







Ansonsten hat jede Region ihre individuellen Sicherheitsrisiken: In Kroatien wurde ich vor Bodenminen gewarnt, in Kalifornien vor Erdbeben und in Irland vor Schafen. Am meisten gefreut habe ich mich über das Verbotsschild „Riding a bicycle while drunk is prohibited on a mountain!“ in Georgien. Besoffen Fahrradfahren auf einem Berg geht gar nicht, viel zu gefährlich! Besoffen Fahrradfahren im Tal? Scheint OK zu sein.






Wege am Wasser können nass sein, große Überraschung. Und unnötiges Rasten versuche ich bei Bergwanderungen sowieso zu vermeiden – schließlich wäre es ja der Gipfel, wenn man diesen nie erreichen würde. Aber ganz ohne Risiken und Nebenwirkungen wäre das Leben doch langweilig. Wie sagt schon der angelsächsische Volksmund: No Risk, no fun.




Wenn man den Schilderwahn und die mediale Panikmache ernst nimmt, fragt man sich, ob es überhaupt noch einen Ort gibt, wo man save ist. Sicher gibt es den: Südtirol. Denn nur hier heißt der Abteilungsdirektor im Straßendienst Sicher. Da kann doch gar nichts passieren.

Die ein oder andere Anti-Terrormaßnahme ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sinnlos. Aber sie bringt einen sicheren Listenplatz bei der nächsten Wahl. Womit ich jetzt bei meinem eigentlichen Thema angekommen bin: Der Frage, ob das Gegenteil von Sicherheit eigentlich Gefahr ist – oder Freiheit.

Aber jetzt ist die Seite leider schon voll und ich muss den Text beenden. Ich behaupte jedoch ganz selbstsicher: Es ist so sicher wie das Amen in der Kirche, dass ich diese sicherheitsrelevante Frage irgendwann erörtern werde.



 

Dieser Artikel wurde in der Straßenzeitung Zebra (Ausgabe November 2017) veröffentlicht.
Der Kauf der Zebra lohnt sich meiner Meinung nach sowohl für Käufer (weil die Inhalte wirklich interessant sind) als auch für Verkäufer (weil sie einen Euro vom Verkaufspreis behalten dürfen und einen Zugang zu Arbeitswelt und sozialen Kontakten erhalten). Mehr Infos hier.